Eine professionelle Tanzproduktion nur mit Laien: Dass das möglich ist, hat ein kanadischer Choreograph schon in einigen Städten der Welt gezeigt. Im Juni 2020 soll „Le Grand Continental“ in St. Pölten zu sehen sein. Wer mitmachen darf, entscheidet wie bei den Profis ein Casting. Philadelphia, Portland, Potsdam und jetzt: St. Pölten. Eine Dreiviertelstunde haben wir Zeit, den Choreographen Sylvain Émard von unseren tänzerischen Qualitäten zu überzeugen. Was schwierig wird, da wir alle Laien sind, die sich höchstens in ihrer Freizeit zur Musik bewegen, beim Zumba im Sportverein vielleicht oder beim Walzer in der Tanzschule. Doch für seine Choreographie „Le Grand Continental“, die schon in vielen Städten weltweit zu sehen war und am 5. Juni vor dem Festspielhaus St. Pölten aufgeführt werden soll, sucht der Kanadier ausdrücklich Amateure. Sie sollen innerhalb weniger Monate entdecken, was Profis in vielen Jahren harter Arbeit lernen: Wie der Körper beim Tanzen zum Kommunikationsmittel wird. Wenn man sich ein Video von einer der vielen Aufführungen anschaut, die es von „Le Grand Continental“ schon gab, scheint das anderswo auf der Welt auch gut funktioniert zu haben. Grundlage der Choreographie ist Line Dance, ein Reihentanz, der traditionellerweise von Pop- oder Countrymusik begleitet wird. Als junger Mensch war Sylvain Émard davon so begeistert, dass er unbedingt Choreograph werden wollte. Mit „Le Grand Continental“ zollt er seiner ersten Liebe Tribut, indem er Line Dance mit acht zeitgenössischen Musik- und Tanzstilen zu einer 30-minütigen Aufführung verwoben hat. Was in den Videos so leicht aussieht, offenbart beim Casting seine Tücken, obwohl die rund 300 Interessenten und vor allem Interessentinnen, die sich auf fünf Abende verteilen, nur eine kurze Sequenz der Choreographie lernen sollen und obwohl sich Émard als guter und glücklicherweise auch humorvoller Lehrer entpuppt. Nachdem der Kanadier sich und sein Projekt vorgestellt hat, wird der Saal der Begegnung gleich hinter dem Bahnhof ein Saal der Bewegung, und zwar der ungewohnten Bewegung. Wir sollen nach links hüpfen, während der Kopf bei jedem Hüpfer nach links dreht, der rechte Arm aber nach rechts stößt. Wir sollen uns drehen, erst viertel, dann halb, nochmal halb, die Arme machen auch etwas, aber was nochmal? Sylvain Émard hat es mehrmals langsam vorgezeigt, theoretisch ist alles klar, aber warum hapert es dann in der Praxis? Schon mit den ersten Schritten verwandeln sich die klaren Reihen, in denen wir anfangs gestanden sind, in ein Durcheinander aus Beinen und Armen. Ob es nun an der Dreherei liegt, an der Hitze im Saal oder daran, dass ich vorher zu wenig getrunken habe, jedenfalls wird mir plötzlich schwindlig. Nicht mehr ich drehe mich, sondern alles um mich herum dreht sich. Ich werde doch nicht ausgerechnet jetzt das erste Mal in meinem Leben in Ohnmacht fallen? Keine Zeit nachzudenken, kurz durchatmen, die Musik, eingängiger Rhythm and Blues, beginnt wieder, ich zähle fünf, sechs, sieben, acht, denn auf auf eins geht’s los, und ich gehe los, ein bisschen schwankend, aber noch wird ja nicht gefilmt, nur geübt, ich muss einfach nur auf den Beinen bleiben und nach vier Schritten die erste Vierteldrehung nach links machen. Ich taumele noch ein Mal, dann ist der Schwindel vorbei, die Unsicherheit leider nicht. Wie war das jetzt, rechter Fuß nach vorn oder linker und was machen doch gleich die Arme? Nicht so viel denken sollten wir, sondern Spaß haben, ermahnt uns Sylvain Émard in seinem kanadischen Englisch mit einem schelmischen Lächeln. Er, der mit der schlafwandlerischen Sicherheit und tänzerischen Leichtigkeit eines Profis durch den Saal gleitet wie ein Delfin durch einen Heringsschwarm, hat leicht reden, aber er hat auch recht, für Perfektion ist die Zeit ohnehin zu knapp, schon beim nächsten Durchlauf sollen die Kameras laufen und unsere zahlreichen Fehltritte ein für allemal konservieren. Dass meine Tochter und ich niedrige Startnummern bekommen haben, hat die unangenehme Folge, dass wir ausgerechnet bei der ersten von vier Filmaufnahmen in der ersten Reihe stehen müssen. Keine Spur mehr von der entspannten Kaffeehaus- Atmosphäre im Vorraum, wo viele Frauen rund um Tische saßen und plauderten, stattdessen beschleunigt Casting-Aufregung unseren Puls. Die ersten Schritte sind ja noch leicht, aber dann kommen die Hüpfer nach links. Ich taumele wieder, doch dieses Mal ist nicht der Schwindel die Ursache, sondern ein Zusammenstoß mit dem Mann neben mir, der statt nach links nach rechts gehüpft ist – ist eben doch ein„Saal der Begegnung“. Egal, die Musik läuft weiter, und dass der Mann hier überhaupt mitmacht, ist eine rühmenswerte Ausnahme: Eigentlich soll „Le Grand Continental“ ja möglichst verschiedene Menschen zwischen 6 und 75 Jahren vereinen. Doch wenn man sich im Saal umschaut, besteht St. Pölten zu 95 Prozent aus Frauen. St. Pöltens Männer haben den Aufruf zum Casting entweder nicht gehört oder überhört: Außer dem Mann neben mir sind vielleicht noch zwei, drei andere an diesem Abend da. „Kennen Sie Männer, die gern tanzen?“, fragt eine der Kolleginnen von Sylvain Émard, die die schwierige Aufgabe haben werden, den 150 Auserwählten später bei den Proben die gesamte Choreographie beizubringen. „Dann schicken Sie sie bitte vorbei.“ Mann müsste man sein, denke ich nicht zum ersten Mal in meinem Leben, als wir den Saal nach vier Durchgängen für die Kamera verlassen. Der Startvorteil, dessen Existenz sonst im Leben Gegenstand erbitterter Diskussionen zwischen Frauen und Männern ist, ist hier unbestritten. Aber zunächst einmal ist dabei sein alles. „Tolles Workout!“, gibt eine weißhaarige Frau ihre Erfahrung an eine zweite Gruppe von tanzbegeisterten Laien weiter, die noch im Vorraum auf das Casting wartet. Und „viel trinken, unbedingt noch viel trinken“, rate ich ihnen, zumindest in diesem Punkt schon ganz der Profi. Und ja, es sei schwierig gewesen. Aber trotz aller Patzer und Pannen hat es aber auch Spaß gemacht, viel Spaß, stelle ich fest. Auch meine vorher skeptische Tochter, die ein Casting wie in einer dieser fiesen Fernsehshows erwartet hat, ist begeistert: „Mama, das wäre so cool, wenn wir da mitmachen könnten!“, sagt sie, als wir mit schweren Beinen und müdem Köpfen zum Bahnhof gehen. Wir sind gespannt, ob wir die Chance bekommen werden, unseren Körper in Kommunikationsmittel zu verwandeln. Oder ob die Männer aus St. Pölten in letzter Sekunde doch noch ihre Liebe zum Tanzen entdecken und damit uns Frauen die Plätze streitig machen werden. Alle tanzen! März 2020 Tatsächlich ist es nur einer, der uns bei "Le Grand Continental" in St. Pölten die Plätze streitig macht: SARS-CoV-2. Das Corona-Virus hat auch unsere Pläne durchkreuzt und sich dabei als absolut demokratisch erwiesen: Egal, welches Geschlecht, welches Alter oder welche tänzerischen Fähigkeiten wir haben, die Absage der Proben trifft uns alle gleichermaßen. Alle tanzen? Pustekuchen. Dass wir das Casting erfolgreich absolviert haben, spielt nun nicht mehr die geringste Rolle. Statt also von Sylvain Émard zu lernen, wie wir unsere Körper zu Kommunikationsmitteln machen, bleiben wir zu Hause und lernen etwas anderes. Zum Beispiel, dass wir trotz Ausgangsbeschränkung gemeinsam tanzen können. Der gute alte Sportverein öffnet sich für Neues und lädt per E-Mail zum Zumba-Meeting ein. Statt in einer Turnhalle treffen wir uns im virtuellen Raum von zoom.us und sind via Laptop-Kamera zu Gast in Monis Wohnzimmer. Wie Moni haben auch wir anderen daheim die Möbel an die Wand gerückt und stehen in Trainingskleidung davor. Als Moni ihre One- Woman-Show beginnt, sind ihre Bewegungen durch die geringe Übertragungsgeschwindigkeit so verzögert, dass es aussieht, als tanze sie bei Stroboskoplicht in einer Disco. Und die Musikqualität erinnert mich an mein Kofferradio mit der abgebrochenen Antenne aus den siebziger Jahren. Aber egal, was soll's: Alle tanzen! crademach@aol.com Begegnungen der anderen Art Januar 2020 Christina Rademacher